Am 19.03.2020 schrieb ich eine Meldung von akuter Gefährdung des Pflegepersonals und der versorgten Pflegebedürftigen per E-Mail an das Gesundheitsamt Hamburg-Eimsbüttel, Abteilung Infektionsschutz und an die Wohn-Pflege-Aufsicht Hamburg Altona:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit teilen wir Ihnen mit, dass in unserer Einrichtung keine einzige FFP2-Maske mehr zur Verfügung steht. Ebenso sind keine Schutzbrillen vorhanden, da diese auch nicht zur Standardausstattung des Pflegedienstes gehören und in den Vergütungen der Leistungen nicht berücksichtigt sind. Unser Händedesinfektionsmittel geht zur Neige und bereits erfolgte Bestellungen werden ohne Angabe von Terminen nicht geliefert. Es gibt lediglich einen Rest an einlagigem Mundschutz aus Papier für wenige Tage (sog. OP-Masken, ca. 200 Stück). Wir bitten dringlichst um Unterstützung bei der Beschaffung bzw. Zurverfügungstellung. Desinfektionsmittel dürfen nach unserem Kenntnisstand von Apotheken selbst gefertigt werden, was jedoch offenbar nicht geschieht. Statt dessen wurden/werden Restbestände an handelsüblichen Desinfektionsmitteln online auch von Apotheken und Sanitätsgeschäften zu Wucherpreisen angeboten. Es stellt sich die Frage, weshalb dies nicht schon längst unterbunden wurde. Lt. BMG und Minister Spahn solle die Herstellung von Masken in Deutschland reaktiviert werden, hieß es bereits vor Tagen. Es gäbe auch beim Bund eingebunkerte Bestände für den Katastrophenfall. Auch bezüglich evtl. erforderlich werdender Schutzbrillen bitten wir um Zurverfügungstellung/ Kostenübernahme.
Trotz bestehender Erkältungssymptome bei mehreren Mitarbeitern bei vorherigen ständigen beruflich bestehenden Kontakten zu Interessenten und Angehörigen sowie sonstigen Personen, bei denen der Nachweis einer positiven Testung auf CoVid19 oder einer Rückkehr aus Risikogebieten für uns schlicht nicht (mehr) nachvollziehbar ist, wird eine Testung auf Coronaviren mit Verweis auf die aufgrund des Fortschreitens der Infektionen längst überholten RKI-Empfehlungen abgelehnt (Corona-Hotline der Behörde, besetzt mit Mitarbeitern der Behördenhotline 115), oder besser, ist gar nicht möglich, da die 116117 durchgehend nicht erreichbar ist, ebensowenig telefonisch das zuständige Gesundheitsamt. Inzwischen lehnen die meisten Hausärzte den Besuch in deren Praxis ab. Einige Hausarztpraxen (2 in Bezug auf unsere Patienten) heben bereits geschlossen/ stehen selbst unter Quarantäne. Letzlich wird dadurch auch der Rettungsdienst der Feuerwehr überlastet. 
Wir raten und bitten dringend um Unterstützung, die Verdachtsfälle bei den Mitarbeitern der Pflegedienste und deren Familienmitgliedern zum Schutze unserer Patienten testen zu lassen. Inzwischen ist wohl jedem klar, dass die Zahl der nicht bestätigten Fälle um ein Vielfaches höher liegt, als die der labortechnisch bestätigten und dass eine Nachverfolgung der Ansteckung kaum noch möglich ist! Dieser Umstand wurde bereits am 05.03.2020 vom BMG in einer internen Sitzung mit den Vertretern der Länderministerien eingeräumt und seither wohl zum Schein zwecks Verhinderung weiterer Verunsicherung und als Rechtfertigung für ausbleibendes Handeln weitergeführt. Lt. Aussage des Präsidenten des RKI zuletzt am gestrigen Tag stehen Tests außerdem entgegen den Aussagen der Hamburger Entscheidungsträger in ausreichender Anzahl zur Verfügung und könnten problemlos durch Hinzunahme von veterinärmedizinischem Equipment aufgestockt werden. Einzelne private Laborärzte führen in Hamburg gegen Privatzahlung angeblich täglich mehr Tests durch, als durch KV und Gesundheitsämter offiziell veranlasst wurden.
Gleichzeitig appelliert die BGV am gestrigen Tage an die Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste, entlassene Patienten aus den Hamburger Krankenhäusern, in denen nachweislich bereits Patienten und Mitarbeiter infiziert sind, ohne Testung (und ohne Schutzausrüstung!) in die ambulante Versorgung zu übernehmen. Wir lehnen dieses Vorgehen zum Schutze unserer Patienten, unserer Mitarbeiter und Angehörigen und der Hamburger Bevölkerung rundweg ab! 
Nach uns vorliegenden schriftlichen Informationen des BPA sollen freiwillige Tests bei symptombehafteten Personen, also auch Mitarbeitern in Pflegediensten (,die eigentlich bereits angebunden an die Krankenhäuser seit gestern möglich sein sollen – aber nach Auskunft der Hamburger Hotline noch gar nicht installiert wurden,) bei negativem Ergebnis von den Betroffenen selbst bezahlt werden. Ebenso sollen Tests auch bei Mitarbeitern der Pflegedienste nach erfolgter Quarantäne von den Arbeitgebern, also auch den Pflegediensten bezahlt werden. Wir halten beides für rechtswidrig und skandalös! Es straft auch die vielen Lippenbekenntnisse unserer Politiker bezüglich des Respekts und der Achtung vor der Leistung der Beschäftigten und Unternehmen unserer Branche Lügen.
Durch die heute über den BPA veröffentlichten Merkblätter SARS-COV-2 wird deutlich, dass wir von den Verantwortlichen in vollem Umfang im Stich gelassen werden und die Infektion sowohl von Gesundheitsbediensteten als auch Patienten billigend in Kauf genommen wird und der Fortbestand einer funktionierenden pflegerischen Versorgung riskiert wird! Die veröffentlichten Maßnahmen stehen keineswegs im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen in Bezug auf die Wirksamkeit der dort empfohlenen Schutzmaßnahmen in Bezug auf die CoVid19- Infektion, schon gar nicht mit dem Durchseuchungsstand in Hamburg! U.a. sind die dort erwähnten OP-Masken nachweislich als Infektionsschutz unwirksam. 
Ein wie auch immer gearteter Ausnahmezustand ist keine Rechtfertigung, ebensowenig die Neuartigkeit des Virus, im Gegenteil! Ebenso kann auf dieser Grundlage nicht davon gesprochen werden, auf die bevorstehende Infektionswelle gut vorbereitet zu sein. Ein gut funktionierendes Gesundheitssystem sieht anders aus! 
Zwangsweise Einschränkung der Bewegungsfreiheit und sozialer Kontakte, die Stilllegung der Wirtschaft und Appelle an die Bürger bei gleichzeitig ausbleibender zentraler Versorgung mit Schutzmaßnahmen, Falschinformationen, Verstecken und gegenseitiges Zuschieben der Verantwortung seitens der Entscheidungsträger ist kein gangbarer Weg in einer zivilisierten Gesellschaft! Vielmehr haben wir den Eindruck, dass bei den Entscheidungsträgern die Ernsthaftigkeit der Lage noch nicht erkannt wurde.
 
Erkrankt ein Mitarbeiter unserer Einrichtung unbemerkt und gibt die Erkrankung an unsere Patienten weiter, steht die Versorgung von 80 Pflegebedürftigen auf dem Spiel! Jeder Tag, der ohne Beseitigung der Mißstände vergeht, begünstigt eine Überlastung des Gesundheitswesens und kostet mit hoher Wahrscheinlichkeit viele Menschenleben!
Wir bitten nach Möglichkeit um baldige Rückmeldung, doch zumindest um Eingangsbestätigung.
 
Mit freundlichen Grüßen
Artur Siebenwirth“
 
Eine Antwort erhielt ich nicht, statt dessen am nächsten Tag einen Anruf des Vorsitzenden der Hamburger Pflegegesellschaft (HPG), der über das Schreiben informiert war und mir mitteilte, dass in einer Apotheke in der Hamburger Innenstadt wohl an diesem Tage selbsthergestelltes Desinfektionsmittel zum Literpreis von 40,- EUR verkauft würde. Als ich ihn fragte, ob das wohl ein schlechter Scherz sein solle, legte er mit unfreundlichen Worten den Hörer auf.
 
Daher schrieb ich am 20.03.2020 erneut eine E-Mail an o.g. Adressaten und zusätzlich die HPG mit folgendem Inhalt:
 

„Sehr geehrte Damen und Herren,

 
heute erreichte uns offenbar als Reaktion auf unsere gestrige Email der Anruf von Hr. S…, der uns mitteilte, dass in einer Apotheke in der Hamburger Innenstadt nun Händedesinfektionsmittel aus eigener Produktion für einen Preis von ca. 40 € pro Liter erhältlich sei. Dieser Preis ist ebenso wie der Beschaffungsaufwand inakzeptabel. Schon beim Versuch, dieses mitzuteilen, erklärte der Geschäftsführer der HPG das Gespräch für beendet! 
Es ist vorrangige Aufgabe der Behörden, in dieser Situation den Schutz der Mitarbeiter des Gesundheitswesens und der Bürger zu gewährleisten – und kein Privatvergnügen der Betriebe. Hiermit fordern wir Sie auf, dringend mit der zentralen Beschaffung und Verteilung vorrangig von Händedesinfektionsmitteln und FFP-2 Atemschutzmasken bzw. Äquivalenten hierfür für die Hamburger Pflegedienste zu beginnen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Artur Siebenwirth“
 
Eine Antwort erhielt ich nicht.
 
Lobenswerter Weise bemühte sich der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienstleistungen e.V. (bpa), dessen Mitglied wir sind, bundesweit um die Beschaffung von Schutzausrüstung, bevorzugt Schutzmasken im Rahmen eines Soforthilfeprogramms und verhandelte gleichzeitig mit den Krankenkassen die Kostenübernahme. Die Information hierüber erhielten wir am 02.04.2020 und die erste Lieferung von Schutzmasken am 14.04.2020. Gleichzeitig gelang es uns erstaunlicher Weise selbst, bei der Firma Hartmann online Desinfektionsmittel (Sterillium) zum gewohnten Handelspreis zu bestellen. Die Lieferung erfolgte nach ca. 4 Tagen am 22.03.2020.
 
Die ersten (und bisher einzigen) Schutzmasken verteilt durch die Behörde für Gesundheits- und Verbraucherschutz (BGV) im Auftrag der Bundesregierung, 500 Stück OP-Masken, konnten wir am 30.04.2020 beim Deutschen Roten Kreuz abholen. Die minderwertige Qualität und Nichtzulassung dieser Schutzmasken, die ich ebenfalls bei der Behörde reklamierte, ist ein Thema für sich.
 
Desinfektionsmittel, Schutzbrillen, Handschuhe – Hilf dir selbst!